Wird die Bundesliga immer besser? 2


Die Bundesliga-Saison 2017/2018 ist im Kasten, alle Pfeile geschossen, alle Ergebnisse notiert und eingetippt. Naja, fast. Das Bundesliga-Finale in Wiesbaden folgt noch, aber die regulären Wettkämpfe sind vorbei und wer nicht für das Finale qualifiziert ist, hat jetzt erstmal „Liga-frei“. Zeit, zurück auf die Saison 2017/2018 zu blicken und die Ergebnisse einzuordnen.

Man hört und liest hin und wieder, dass die Bundesliga „immer schwerer“ oder „immer stärker“ würde. Oft wird das nicht näher spezifiziert, ob damit die Ergebnisse der besten Teams oder der Durchschnitt der Liga gemeint ist, das Ergebnis um ins Finale zu kommen oder das, um den Klassenerhalt zu schaffen. Häufig ist es auch eher ein diffuses Gefühl, dass man doch früher mit dieser Leistung gut mitschwimmen konnte, jetzt aber stark zu kämpfen hat. Auf jeden Fall können Gefühle täuschen. Gerade in einer so auf Ergebnisse fixierten Sportart wie dem Bogenschießen ist es angebracht, den „gefühlten Wahrheiten“ mal mit Zahlen und Fakten auf den Zahn zu fühlen.


Wenn ich an dieser Stelle von „Bundesliga“ spreche, meine ich die 1. Bundesliga Nord und die 1. Bundesliga Süd. Für einen Statistiker ist die höchste Liga natürlich am interessantesten. Nicht nur, weil sich die Ergebnisse dort teilweise der Perfektion annähern, auch weil sich dort gewissermaßen die Leistungsfähigkeit einer ganzen Sportart zeigt. Ähnliche Auswertungen zu anderen Ligen „weiter unten“ im Ligabaum werden hoffentlich noch folgen.

Das folgende Diagramm zeigt die Ergebnisse von allen Mannschaften die seit Beginn der Bundesliga in der Saison 1997/1998 in der 1. Bundesliga Nord und Süd teilgenommen haben. Ein Punkt entspricht der Leistung einer Mannschaft in einer Saison heruntergebrochen auf den 1-Pfeil-Durchschnitt, auf der linken Achse aufgetragen. Die Mannschaften aus dem Norden sind rot, die aus dem Süden blau eingetragen.

Die rote bzw. blaue Linie entspricht jeweils dem Durchschnitt der ganzen Liga in dem entsprechenden Jahr. Für die Statistiker unter uns: Es gehen alle Mannschaften gleich stark ein, ob eine Mannschaften mehr und die andere weniger Pfeile geschossen hat wird nicht gewichtet. Das gab es vor Einführung des Satz-Systems ja ohnehin nicht, damals haben alle Mannschaften gleiche viele Pfeile geschossen.

Zusätzlich findet sich noch ein Balkendiagramm, auf dem die Differenz des jeweiligen Saison-Durchschnittes zwischen Nord- und Südliga dargestellt ist. Positive Werte bedeuten, dass der Durchschnitt im Norden höher war.

Wir sehen ein paar ganz interessante Entwicklungen. Der Liga-Durchschnitt scheint eine gleichmäßige, langsame Steigung aufzuweisen. Lag der Durchschnitt beider Ligen in den 90ern noch bei rund 9,2 Ringen pro Pfeil, steigt er langsam aber sicher auf 9,3 und 9,4 Ringe, im Norden auf fast 9,5 Ringe, an. Der Norden überschreitet im Jahr 2002 nach 5 Jahren zum ersten mal den Durchschnitt von 9,3 Ringen und fällt nie mehr dahinter zurück. Der Süden braucht ganze 10 Jahre länger, um dieses Niveau 2012 als Durchschnitt der ganzen Liga zum ersten mal zu erreichen und unterschreitet diese Marke in der Saison 2015/2016 sogar, aber nur einmalig.

Aber wie ist das mit dem „immer schwerer“? Wir sehen erstaunliche Schwankungen. Der höchste Durchschnitt einer Bogensport-Liga der jemals aufgezeichnet wurde, lag bei 9,48 Ringen pro Pfeil. Das war die Bundesliga Nord im Jahr 2014/2015 (im übrigen das erste Jahr nach Einführung des Satz-Systems). 4 Teams erreichten damals einen Saison-Schnitt von über 9,5 Ringen und die höchsten jemals erreichten Saison-Durchschnittsleistungen kommen aus diesem Jahr (Nachzulesen auch in der ewigen Bestenliste). Gleich das Jahr danach ist dann aber weit weniger stark. Ein Saison-Durchschnitt von ca. 9,4 Ringen, das hatte man auch schon im Jahr 2004, 2008 und 2012 (Übrigens alles olympische Jahre. Vielleicht sollte man für 2020 mal etwas Geld auf einen Durchschnitt von 9,4 setzen?). Dann geht es aber wieder steil bergauf. Die vergangene Saison 2017/2018 kratzt mit 9,46 Ringen pro Pfeil am Thron der „Rekord-Saison“ und reiht sich auf Platz 2 der historisch höchsten Liga-Durchschnittsleistungen ein.

In der Süd-Liga ein ähnliches Bild. Die einfache Gleichung, dass es immer besser, immer schwieriger wird, stimmt hier ebenfalls nicht. Es kann der Eindruck entstehen, dass in den ersten 10 Jahren erst einmal die Schwankungen größer wurden, bevor ab 2008 eine Art Stabilisierung eingesetzt hat, und ab 2010 die Tendenz zu Durchschnittsleistungen jenseits der 9,3 eingesetzt hat. Die letzten zwei Jahre waren dann aber in der Bundesliga Süd tatsächlich besser als alle anderen zuvor. Wer hier das Gefühl hatte „das wird ja immer besser“, hat im Grunde Recht.

Jetzt habe ich viel über Durchschnittsergebnisse geschrieben, aber man kann sich natürlich auch am unteren Ende der Liga umschauen. Die Mannschaft auf Platz 6 ist die Mannschaft, die als letzte Mannschaft in der Liga bleibt. Die Durchschnittsleistung der 6. Mannschaft sagt auch viel über das Niveau einer Liga aus. Es gibt immer extrem gute Mannschaften, diese verzerren unter Umständen den Durchschnitt. Aber die Leistung des sechstplatzierten Teams sagt, welche Klasse man für die höchste Liga überhaupt haben muss, um mitzuspielen.:

Hier sieht man vor allem in der Süd-Liga etwas ganz interessantes: Während der Durchschnitt von 2012 bis 2015 stagnierte oder sogar leicht sank (siehe erstes Diagramm), wurde der Durchschnitt von der Mannschaft, die gerade noch dabei bleiben durfte, kontinuierlich besser, sogar 6 Jahre lang von 2010 bis 2015. Der Sprung zum Jahr 2016/2017 von 9,15 zu 9,35 Ringen ist heftig, und viel deutlicher als die Veränderung der Durchschnittsleistung. Für eine Mannschaft, die vor allem den Klassenerhalt schaffen möchte, ist es häufig viel wichtiger, dass es ein oder zwei schwache Teams gibt. Fallen diese weg, ist das Bestehen in der Liga plötzlich so viel schwerer als vorher, da spielt der Durchschnitt der Liga gar nicht mehr so stark eine Rolle.

Ich konnte mir übrigens die Markierung meines Teams nicht ganz verkneifen :-). Die 9,44 Ringe, die in der Nord-Bundesliga im Jahr 2012 nur für Platz 6 reichten sind eine ungewöhnliche Rekordmarke. Es gehört etwas pech dazu, mit so einer Leistung nicht besser platziert zu sein. Zumal die Saison 2011/2012 eine gute, aber ansonsten keine Rekordsaison war.

Fassen wir also zusammen: Wird die Bundesliga immer stärker, immer besser? Im Grunde ja! Es ist kein linearer Verlauf, nicht jede Saison ist besser als die zuvor, nicht jede Rekordmarke wird sofort wieder überboten. Die abgelaufene Saison 2017/2018 war sowohl im Norden als auch im Süden sehr stark, wenngleich sie keine Rekorde gebrochen hat. Im Süden kann man die Saison 2016/2017 wohl als stärkste Saison bisher bezeichnen, im Norden wäre das die Saison 2014/2015. Aber die letzten zwei Jahre waren sowohl im Norden als auch im Süden so gut, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die alten Bestmarken fallen. In den Anfangsjahren der Bundesliga erreichte nur eine handvoll Mannschaften einen Saison-Durchschnitt von 9,4 Ringen oder mehr. Vor allem die SGi Welzheim war damals wie von einem anderen Stern und hatte im Grunde keinerlei Konkurrenz auf diesem Level. Mittlerweile müssen es fast 9,6 Ringe sein, will man ganz oben mitmischen. 9,4 Ringe im Schnitt reichen im Norden gerade noch fürs untere Mittelfeld, im Süden darf man damit noch knapp mit dem Einzug ins Finale rechnen. Bei der Leistungsentwicklung im Süden der letzten Jahre sollte man sich darauf in Zukunft aber auch schon nicht mehr verlassen.

Tilman ist Bogenschütze seit 1996. Er schießt seit 2006 in der Liga, im ersten Jahr für MASA BSC Mülheim in der Regionalliga West, danach für den Rheydter TV, zuletzt in der 1. Bundesliga Nord.


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2 Gedanken zu “Wird die Bundesliga immer besser?

  • Matthias

    Spannende Analyse, man sieht ganz gut, was denn in der Liga so gefordert ist. Du sitzt da auf einem echten Datenschatz. Jetzt wäre der Vollständigkeit halber noch interessant, was man braucht, um ins Finale einzuziehen, um auch nach oben hin eine Orientierung zu haben. Die beiden Analysen kann man m.E. auch ganz gut zusammen darstellen. Dabei wird es auch Überraschungen geben… denn… gerade für Euer 2012er Jahr… da kam man mit einem schlechteren Schnitt ins Finale, als es erforderlich war, um den Abstieg zu verhindern.

    So ist das halt in der Liga, ein guter Schnitt reicht nicht immer aus, man muss die (wichtigen) Matches gewinnen – manchmal egal, wie.

    • Tilman Bremer Autor des Beitrags

      Ich denke ich werde noch weitere Auswertungen durchführen. Das war irgendwann ja auch die Idee beim Datensammeln, je mehr man hat, desto mehr Auswertungen kann man machen. So langsam ist die Menge so angewachsen, dass ich jetzt mal kreativ werden kann! Neben dem Average fürs Finale wäre auch noch sowas wie Median oder Standardabweichung nicht schlecht, das letztere gibt vielleicht die „Spannung“ der Liga am ehesten wieder.

      Die Saison 2011/2012 ist statistisch wirklich ungewöhnlich. Habe schon mehrfach nachgeschaut ob meine Tools da nicht falsch gerechnet haben… aber es scheint zu stimmen. In 9/10 Fällen sind die Mannschaften am Ende einer Saison schön nach Schnitt von oben nach unten sortiert, es gibt höchsten mal den Fall, dass zwei Teams die Plätze tauschen. Meist liegen die Durchschnittsleistungen dann aber sehr nah beieinander. Aber so eine Abweichung von dieser Regel gab es selten.